Wenn man die letzten Tage in der WKO zusammenfassen müsste, könnte man es auf ein Wort reduzieren: Tragikomödie. Oder zwei Worte: eh klar. Oder drei Worte: Wieder nichts gelernt.

Die Wirtschaftskammer hat letzte Woche jedenfalls wieder geliefert. Nicht im positiven Sinn. Eher wie ein Paketdienst, der das bestellte Paket über drei Zäune hinweg wirft und danach behauptet, sie hättest es persönlich unterschrieben. Die Vorgänge waren für gelernte Österreicher und -innen so vorhersehbar, dass man fast Mitleid bekommen könnte.

Fast.

Denn der ganze Auftritt der WKO und allen voran ihres Ex-Präsidenten in spe wirkte, als hätte jemand beschlossen, eine politische Version von „Dinner for One“ aufzuführen. Das Skript steht seit Jahrzehnten, die Fehltritte sind ritualisiert, und am Ende stolpert wieder jemand über denselben Tigerkopf, während das Publikum so tut, als wäre das alles irgendwie überraschend.

Es gibt Häuser mit Geschichte, Häuser mit Würde, Häuser mit Geschichte und Würde. Und dann gibt es Institutionen wie die WKO. Ein Gebäude, das nach außen so tut, als würde es die Interessen der Wirtschaft vertreten, während innen eine Mischung aus Selbsthypnose, opulenten Empfängen und Bürokratie-Pilates betrieben wird. Die vergangene Woche hat das wieder einmal bestätigt, als hätte jemand auf „Replay“ gedrückt und die gesamte Republik soll so tun, als wäre das ein neues Programm.


Die Gehaltsposse für Fortgeschrittene im Fach ‚Alibi‘

Begonnen hat alles mit der Ankündigung der WKO, allen Mitarbeitern und -innen im nächsten Jahr eine satte Gehaltserhöhung von 4,2 % zu gönnen – ein Wert, der in so mancher PR-Abteilung vermutlich feuchte Augen erzeugt. Klar, das klingt auf den ersten Blick nach fairer Kompensation. Nur hat die WKO dabei „vergessen“, dass sie selbst von allen anderen Branchen eine Gehaltserhöhung deutlich unter der Inflation forderte, schließlich müssen ja (fast) alle einen Beitrag zum Sparkurs der Republik leisten.


Der Mahrer-Moment, den niemand gebraucht hat

Harald Mahrer tauchte dann in dieser aufbrandenden Diskussion plötzlich auf wie eine Figur, die vergessen wurde, aus einer alten Staffel herauszuschreiben. Der Mann, der mehr Posten jongliert als ein Straßenkünstler brennende Keulen, verkündete ganz pathetisch, dass Fehler passiert seien, und »er himself« ein Machtwort gesprochen hätte. Nur: Wenn jemand, der über Jahre hinweg politisch auf einer Art Drehscheibe installiert ist, „Fehler“ sagt, klingt das, als würde ein Bankräuber sagen, er habe sich „ein wenig verrechnet“. Die Art, wie hier Verantwortung übernommen wurde, könnte man als Masterclass in Mimimi-Management unterrichten.

Dann sein Rücktritt.

Dieser Rücktritt war ein Ereignis von ähnlicher historischen Wucht wie ein eingeschlafener Goldfisch.
Kein Erdbeben, kein Donnerknall, nur ein gut geölter Abgang, der nach hinten offen lässt, in welchem neu gepolsterten Sessel er nächste Woche schon wieder sitzt. Ein Rücktritt, der ungefähr so mutig wirkt wie jemand, der in ein Taxi steigt, nachdem er den Bus verpasst hat.

Aber könnte man nun glauben, das würde »irgendetwas« am System WKO ändern? Träumer!

Der Rücktritt wirkt weniger wie Selbstaufopferung, mehr wie ein geplanter Übergang in einen neuen Versorgungsposten – man kennt ja das Spiel nur zur Genüge aus dem rot-weiß-roten Polit-Kabarett.

Berge von Akten in einem Büro, Stichwort WKO.
(c) AdobeStock
Unbestätigten Gerüchten zufolge soll Herr Mahrer trotz Rücktritts noch bis Ende November im Amt bleiben, damit er seine unzähligen Gehaltszettel noch geordnet übernehmen kann…

Die 8,5-Milliarden-Gespensterstunde

Es braucht schon Chuzpe, eine Horrorzahl in den Raum zu werfen, die nicht einmal das tut, wofür sie erfunden wurde. Die WKO schmiss also die 8,5 Milliarden Euro Schaden durch Krankenstände herum, als wären sie die letzte Patrone in einem moralischen Revolver. Natürlich, logisch, wahrscheinlich auch schuld an Wetterumschwüngen und globalen Lieferkettenproblemen.

Der Haken: Die Zahl meint alle Krankenstände. Nicht Missbrauch. Nicht Faulheit. Einfach: Menschen sind krank. Aber bitte… Details sind ja etwas für Buchhalter, nicht für PR-Strategen. Es ist schon charmant, wie man hier versucht, die Bevölkerung zu erziehen. Mit falschen Zahlen. In einem Info-Folder, der vermutlich mehr gekostet hat als ein durchschnittlicher KMU-Betrieb im Jahr verdient.

Diese Fehlinformation ist jedenfalls so plump, dass sie fast poetisch wird. Nur dass niemand lachen kann, weil die Pointe fehlt.


Die große österreichische Paradedisziplin – Nichts tun

Man kann Österreich vorwerfen, dass es politisch träge ist.
Man kann der WKO vorwerfen, dass sie es perfektioniert hat.

Niemand hat wirklich erwartet, dass die letzten Tage irgendeine Veränderung nach sich ziehen.
Veränderung ist dort etwas Theoretisches, wie Yoga für Menschen, die schon beim Hinsetzen schnaufen und zu schwitzen beginnen.

Die Kammer ist eine Institution, die sich lieber in der eigenen Bürokratie einwickelt, als sich um Transparenz zu bemühen. Reform ist ein Wort, das dort nur in Archiven vorkommt, und zwar in der Kategorie „Scherzartikel“.

Die WKO ist das institutionelle Äquivalent eines alten Kühlschranks: laut, ineffizient, saugt Energie und steht garantiert noch 20 Jahre herum, weil niemand Zeit hat, ihn rauszutragen.

Der ganze Wirbel führt wie immer zu: nichts. Ein Rücktrittchen hier, eine Nebelgranate dort, und plötzlich ist wieder Alltag. In zwei Wochen redet dann keiner mehr darüber, außer ein paar grantige Leute in Kommentarspalten und jene, die die Kammerumlage zahlen müssen und sich fragen, ob es eigentlich irgendwo einen Mengenrabatt auf Inkompetenz gibt.

Die WKO hat uns damit jedenfalls erneut gezeigt, wie man eine Krise löst, ohne irgendetwas zu lösen.
Eine Kunstform, für die Österreich eigentlich längst einen UNESCO-Kulturerbestatus beantragen sollte.


Schlussakkord: Der ganz große Nichts-Moment

Und da stehen wir nun.

Die Republik hat sich kurz empört.

Ein Rücktritt erzeugte für fünf Minuten Gesprächsstoff.

Dann fiel die allgemeine Aufmerksamkeit wieder in den Ruhezustand, wie ein Computer, der nie benutzt wird und trotzdem dauernd ein Update will.

Und in zwei Wochen erinnert sich niemand mehr an diese Farce.

Die WKO sitzt dann wieder stramm da, schiebt Papier(e) von links nach rechts, verteilt Verantwortung wie Ablenkungsmanöver und verkündet hin und wieder etwas, das man im entferntesten Sinn „Strategie“ nennen könnte.

Österreich hat viele Probleme. Die WKO ist keines davon. Sie ist bloß ein Symptom. Ein großes, schwerfälliges, bürokratisches Symptom, das immer weiterlebt, selbst wenn der Rest längst aufgegeben hat.


Finale: Der Glanz der Bedeutungslosigkeit

Die WKO bleibt ein kurioses Theater, in dem zwar (hin und wieder) die Schauspieler und -innen wechseln, aber das Stück immer dasselbe bleibt. Ein Mix aus Verwaltungsroutine, politischem Selbstschutz und der verlässlichen Überzeugung, dass Veränderung nur etwas für Leute ist, die nichts zu verlieren haben. Sie liefert uns die altbewährte Mischung aus Kokain und Kompromiss: satte Gehälter, halbherzige Entschuldigungen, falsche Zahlen zur Volkserziehung – und wenn der Druck zu groß wird, einen Inszenierungsrückzug, damit man im Hinterzimmer weiter in Ruhe die Strippen ziehen kann.

Wer nach dieser Woche an echte Veränderungen glaubt, hat vermutlich auch schon den Lotto-Jackpot geknackt – oder zumindest an den Christkind-Gutschein geglaubt.

Die WKO hat jedenfalls endgültig bewiesen, dass Veränderung dort denselben Stellenwert hat wie Humor bei einer deutschen Steuerprüfung.

Österreich bleibt Österreich.
Die WKO bleibt die WKO.
Und wir bleiben Zuschauer eines absurden Theaters, für das wir (Unternehmer und -innen) sogar „Eintritt“ zahlen müssen.

(Bilder: AdobeStock)

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