Jedes Jahr dieselbe naive Idee:
„Heuer wird’s nett, die Geburtstagsfeier. Ganz ruhig. Familie, Kuchen, bissl reden.“
Das denkt man, weil man offensichtlich jedes einzelne vergangene Jahr erfolgreich verdrängt hat. Das ist keine Optimismus, das ist ein neurologischer Schutzmechanismus.

Der Geburtstag beginnt mit Erwartungen. Kleine, vorsichtige Erwartungen. Kein Feuerwerk, nur Würde. Ein Gefühl von „Heute geht’s einmal um mich“.
Das Universum lacht leise und ruft die Verwandtschaft zusammen.
Den „perfekten“ Geburtstag gibt es. Allerdings nur im Film.


Die Vorbereitung: Du willst nichts, bekommst aber trotzdem das Falsche

Man sagt diesen Satz, der alles ruiniert:
„Ich brauch eh nix.“

Die Familie hört:
„Überrascht mich mit etwas, das ich weder brauchen noch mögen werde.“

Also gibt es:

  • Gutscheine für Dinge, die du nie machst
  • Bücher, die „genau dein Thema“ sind, also damals in den 1990er waren. Eventuell.
  • Alkohol, den du nicht trinkst, weil du entweder schon seit 15 Jahren keinen mehr trinkst, oder weil „den kann man ja weitergeben“
  • Selbstgebasteltes, das aussieht, als hätte es ein minderjähriger Gefangener im Homeoffice gemacht.

Und irgendwo liegt immer ein Geschenk, bei dem du nicht weißt, von wem es ist. Niemand weiß es. Es gehört jetzt einfach zur Familie.
Und alles mit der unterschwelligen Botschaft: Wir haben dich genau so eingeschätzt, wie du bist – mittelmäßig.


Der Tisch: Kulinarische Passivaggression

In Österreich wird Liebe über Essen ausgetragen. Leider auch Konflikte (siehe Weihnachten).

Es gibt mindestens ein Gericht, das du nicht magst, aber „extra für dich“ gemacht wurde.
Wenn du es nicht isst, bist du undankbar.
Wenn du es isst, bist du selber schuld.

Jemand sagt garantiert:
„Du hast früher immer so gern davon gegessen.“
Nein. Hast du nie. Aber diskutier das mal gegen 40 Jahre kollektives Wunschdenken.


Die Gespräche: Ein kontrollierter Absturz

Spätestens nach 20 Minuten kippt es.

Zuerst harmlose Fragen:
„Und, wie geht’s im Job?“
Dann Bewertungen:
„Aha. Na ja. Hauptsache sicher.“

Dann Politik. Immer.
Irgendwer sagt „das darf man ja heute gar nicht mehr sagen“.
Niemand weiß, was genau „das“ ist, aber alle fühlen sich unterdrückt.

Du sitzt da, hast Geburtstag, und hörst dir an, warum früher alles besser war, außer das Gesundheitssystem, außer die Jugend, außer alles.
Du bist offiziell anwesend, aber thematisch irrelevant.
Alles, was du sagst, wird entweder ignoriert oder gegen dich verwendet.

Gratulation, du bist offiziell unsichtbar und gleichzeitig verantwortlich für die kollektive Langeweile der anderen.


Der Höhepunkt: Die emotionale Rechnung

Irgendwann kommt der Satz:
„Wir haben uns alle extra Zeit genommen.“

Das ist keine Information. Das ist eine Schuldzuweisung mit Schlagobers.
Ab jetzt darfst du:

  • nicht müde sein
  • nicht genervt sein
  • nicht früher gehen

Du hast Geburtstag, aber bitte ohne Bedürfnisse. Das wäre egoistisch.


Der Moment der Erkenntnis

Du schaust auf die Uhr.
Du schaust auf die Kerzen.
Du denkst: Das ist also mein Fest.

Nicht schlimm genug, um zu eskalieren.
Nicht schön genug, um in Erinnerung zu bleiben.
Eben nur ein emotionaler Graubereich mit Kaffee.

Und genau das ist der Trick:
Die Feier ist nicht schlecht genug, um sie nächstes Jahr abzusagen.
Also passiert sie wieder.


Eine Frau, die nach einer Geburtstagsfeier kopfüber halb auf dem Boden und halb auf einer Couch liegt; am Tisch daneben zwei Weinflaschen, Stichwort Geburtstagsfeier.
(c) AdobeStock
Wenn dann die »lieben Verwandten« wieder weg sind, kann man in Ruhe ausschlafen. Man hat es sich verdient…

Fazit: Familiengeburtstage sind keine Feiern, sie sind Rituale

Man geht hin, weil man dazugehört.
Man leidet leise, weil man dazugehört.
Man geht heim und ist seltsam erschöpft, obwohl man nichts getan hat.

Es geht nicht darum, dich zu feiern.
Es geht darum, dich daran zu erinnern, dass du eigentlich eh nie wirklich dazu gehörst – und dass deine Existenz allenfalls toleriert wird, solange du brav Kuchen isst und nickst.

Und jedes Jahr denkt man:
Nächstes Jahr mach ich’s anders.

Spoiler:
Nein.
Du kaufst wieder Kuchen.
Sie kommen wieder.
Und irgendwer bringt wieder etwas mit, das du „eh brauchen kannst“.

Alles andere: pure Illusion.
Herzlichen Glückwunsch.

(Bilder: AdobeStock)

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